Greifswalder Wissenschaftler wollen neues Verfahren bei Sprachverlust nach Schlaganfall etablieren

Greifswalder Wissenschaftler wollen neues Verfahren bei Sprachverlust nach Schlaganfall etablieren

Sprachverlust nach Schlaganfall. Die meisten Menschen trifft es völlig unerwartet. Allein in Deutschland erleiden jährlich 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Ein Drittel der Überlebenden sind von einer Aphasie betroffen, einer Sprachstörung, die als direkte Folge des Schlaganfalls auftritt. Der Verlust des Sprachvermögens kann aber auch durch Kopfverletzungen nach einem Unfall, durch einen Tumor oder entzündliche Gehirnprozesse ausgelöst werden. Während gut die Hälfte der Patienten ihre Sprache durch intensives Sprachtraining wiedererlangt, führt es in der anderen Hälfte zu einem langwierigen und chronischen Verlauf. Für die Betroffenen bedeutet der Sprachverlust einen tiefgreifenden Einschnitt in ihre Lebensqualität, da sie sich nicht mehr wie gewohnt ihrem Umfeld mitteilen können. Umso wichtiger sind ein aktives und intensives Sprachtraining.

Neurologen wollen das Gehirn zweigleisig aktivieren

„Eine intensive Sprachtherapie kann zu alltagsrelevanten kommunikativ-sprachlichen Verbesserungen bei chronischen Aphasien führen, wie in einer deutschlandweiten multizentrischen Studie gezeigt werden konnte. Allerdings sind die beobachteten Zuwächse vergleichsweise gering“, sagte Professorin Dr. Agnes Flöel. „Dieser Umstand bekräftigt die Dringlichkeit neuer Strategien in der Behandlung chronischer Aphasien, so etwa der therapiebegleitende Einsatz der Gleichstrom-Stimulation (engl. transcranial direct current stimulation; tDCS).“

Hierbei handelt es sich um ein gut verträgliches und in der Anwendung kostengünstiges Verfahren. Parallel zum Sprachtraining werden die entsprechenden Sprachareale im Gehirn durch leichte elektrische Impulse stimuliert, um die Lernabläufe zu erleichtern. Bis auf ein leichtes Kribbeln am Anfang ist das Verfahren, jeweils zweimal 20 Minuten, sehr schonend, nicht spürbar und ohne Nebenwirkungen.

Sprachverlust nach Schlaganfall

Bisherige kleinere Studien haben gezeigt, dass Patienten in Tests nach intensiver Sprachtherapie und gleichzeitiger Gleichstrom-Anwendung in den betroffenen Gehirnarealen mittlere bis große Effektstärken erzielten. Um diese vielversprechenden Ergebnisse erfolgreich in die klinische Praxis zu überführen, bedarf es in einem nächsten Schritt einer größeren multizentrischen, wissenschaftlichen Studie mit ausreichender Probandenanzahl, Behandlungsdauer und aussagekräftigen diagnostischen Instrumenten.

„Das Ziel unserer Studie besteht darin, einen therapeutischen Mehrwert durch das noch relativ junge Verfahren bei chronischen Aphasien eindeutig nachzuweisen“, betonte Flöel. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen in den kommenden zwei Jahren 130 Menschen mit chronischen Aphasien, mindestens sechs Monate nach Beginn der Erkrankung, in insgesamt 15 teilnehmenden Studienzentren zufällig einer von zwei Behandlungsformen mit und ohne Gleichstrom-Stimulation zugewiesen werden. Im Vorfeld werden die Kooperationspartner der Studie auf einem Treffen der Aphasie-Selbsthilfegruppen über die Studie informieren und um eine aktive Unterstützung bitten. Das Training für Patienten wird im Herbst 2019 beginnen, Interessenten können sich ab sofort melden.
„Bestätigt sich ein therapeutischer Mehrwert durch den zusätzlichen Einsatz einer Gleichstrom-Stimulation könnten die erwarteten Ergebnisse mittel- und langfristig die Lebensqualität von Menschen mit chronischen Aphasien und ihren Angehörigen erheblich steigern“, betonte die Neurologin.

Nach Beendigung der Studie und positiven Ergebnissen ist ein Treffen mit Projektverantwortlichen und Interessenvertretern aus Wissenschaft und Politik vorgesehen, um die Ergebnisse in klinischen Leitlinien und damit in der gesundheitlichen Versorgung zu verankern. In Deutschland ist das Verfahren noch nicht von den Kassen zugelassen.

Informationen für Patienten der Region Greifswald

Rund 1.000 Patienten mit einem Schlaganfall werden jährlich an der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Greifswald betreut. In Greifswald und einem Umkreis von rund 80 km können auch betroffene Patienten der Region an der Studie teilnehmen. Patienten aus anderen Regionen werden an ein teilnehmendes Klinikzentrum in ihrer Nähe vermittelt.
Interessierte können sich für weitere Informationen an die Studienzentrale in Greifswald wenden (Email: aphasie@uni-greifswald.de, Tel. 03834-86 67 58 – Anrufbeantworter geschaltet, wir rufen zurück).

Liste der weiteren teilnehmenden Zentren
Aphasiezentrum Josef Bergmann, Vechta
Aphasiestation Uniklinik RWTH, Aachen
Akademische Klinik für Sprachtherapie, Aschaffenburg
Klinik für Neurologie und Neurorehabilitation, Kempen
Kliniken Schmieder, Standorte Heidelberg, Gailingen und Allensbach
Logopädisches Interdisziplinäres Zentrum, Lindlar
m&i Fachklinik, Herzogenaurach
Median Klinik, Bad Sülze
Moritz Kliniken, Bad Klosterlausnitz
Schön Kliniken, Bad Aibling
Tagesklinik Max-Planck-Institut, Leipzig
TheraVent aktiv, Marbach
Wicker-Kliniken, Bad Homburg
Zentrum für ambulante Rehabilitation, Berlin

Universitätsmedizin Greifswald
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Direktorin: Prof. Dr. med. Agnes Flöel
Ferdinand-Sauerbruch-Straße, 17475 Greifswald
T +49 3834 86-68 15
E agnes.floeel@uni-greifswald.de

Instagram/Twitter @UMGreifswald

1. April 2019 |Arzt-Home, Medas-Home, Newsticker|